Die Bühne der Freundschaft

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Die Bühne der Freundschaft

Hallo liebe Selbstlesende und Zuhörer. Heute möchte ich euch von jemandem erzählen, der sehr gern feiert. Bent, ein treuer Freund und Mitglied unserer riesigen Familie trägt fast zu jeder Tages- und Nachtzeit Partyhüte, in allen möglichen Formen und Farben. Doch das ist erst der Anfang. Er trägt die Hüte nicht einfach nur, weil es schön aussieht. Bent liebt es, zu feiern. Er feiert jeden Anlass. Selbst an Tagen, an denen es keinen Anlass zum Feiern gibt, findet er einen Grund, eine ausgelassene Party zu veranstalten. So auch am letzten Wochenende. Und davon möchte ich euch heute berichten. Bewerft euch mit Konfetti, pustet Luftschlangen durch eure Zimmer und seid glücklich.

Es begann am Freitagnachmittag, als Bent zu mir kam und jemanden suchte, der ihm beim Aufbau und Schmücken  helfen sollte.

„Fokus!“, stöhnte Bent außer Atem, als er völlig erschöpft den Drachenfels erklomm. „Es ist wieder soweit. Ich möchte auf der Lichtung hinter dem Drachenfels ein großes Fest veranstalten. Würdest du mir bitte die Ehre erweisen und die schweren Möbel dort hin transportieren? Ich kenne niemanden, der mehr Kraft hat als du.“

Ungeachtet dessen, dass er mich mit seinem unerwarteten Besuch aus dem Mittagsschlaf riss, wollte ich mich erst einmal nach dem Anlass der Feier informieren. Als ich ihn fragte, was es denn zu feiern gibt, zuckte er allerdings nur mit den Schultern, warf einen Blick aus der Höhle und sah in den strahlend blauen Himmel.

„Ist das nicht Grund genug, alter Freund?“, fragte er mich selbstsicher und deutete auf die Schönheit, die ihm die Natur bot. „Außerdem verabschieden sich heute die Zugvögel. Sie starten wieder in den Süden. Es ist mal wieder allerhöchste Eisenbahn, Fokus. Dem Partybär gelüstet es nach einer ausgelassenen Feierei.“

Ich versteckte meinen Kopf zwischen meinen Vorderbeinen. Wusste ich schließlich, dass Bent nichts und niemand stoppen kann, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Ich willigte knurrend ein und machte mich mit ihm gemeinsam auf den Weg in seine gigantisch große Scheune. Dieser Ort ist das wahre Paradies für Party-Veranstalter jeglicher Art.

Bent lagert dort Möbel, Kostüme, Tischschmuck, Bastelmaterial, Tröten, Musikanlagen, Mikrofone und alles, was ein Veranstalterherz höher schlagen lässt. Bereits auf dem kurzen Flug zu seinem Lager plante er die Feier, die an diesem Wochenende auf der Lichtung stattfinden sollte.

„Was hältst du denn  davon, wenn Almina und ihre Elfenkinder eine Showeinlage darbieten? Ich wäre sehr gespannt zu sehen, was die Kinder für Instrumente gelernt haben. Außerdem tanzen sie sowieso den ganzen Tag. So können sie den Zugvögeln eine Choreographie präsentieren, die sie so schnell nicht wieder vergessen werden.“

„Dauert es nicht eine Zeit, bis eine Choreographie einstudiert ist?“, hakte ich nachdenklich ein. Schließlich verlangt so etwas eine gewisse Vorbereitungszeit.

„Ach was!“, antwortete Bent selbstsicher. Die Elfen sind wahre Meisterinnen ihres Fachs. Erinnere dich doch an unser Sommerfest im letzten Jahr. Der von ihnen gezeigte Tanz war grandios!“

„Ich möchte dir ja nur ungern widersprechen, Bent, aber das war kein Tanz. Der Platz, den du ihnen zugewiesen hast, war übersät mit Brennnesseln. Sie tanzten nicht, sie sprangen lediglich barfuß von einem Ort zum nächsten, um ihre Füße zu schützen. Du hast die Musik so laut aufgedreht, dass du ihre Rufe nicht mitbekommen hast. Anschließend fanden sich alle bei Weisinja ein, um Kräuterumschläge für ihre Fußsohlen zu bekommen. Ich glaube nicht, dass sie sich erneut von dir bitten lassen, auf einem deiner Feste aufzutreten.“

Bent verstummte für einen kurzen Augenblick, warf dann aber zügig eine neue Idee ein: „Dann gehe ich mich bei ihnen entschuldigen. Ich werde für sie tanzen, dann werden sie mir verzeihen. Meinem Charme kann keiner widerstehen.“

Ich zweifelte an seiner Idee, wusste aber, dass es nur wenig Sinn macht, ihn davon abzubringen. Er sollte seine Erfahrungen selber sammeln. Kurz darauf setzten wir zum Landeanflug an. Ich legte mich auf der Wiese vor der großen Scheune ab und Bent ließ sich gekonnt von meinem Rücken hinab rutschen.

„Warte hier Fokus! Ich öffne die beiden Scheunentore, damit du durch passt.“, rief Bent und lief zu seinem Lager.

Ich genoss die kurze Zeit der Stille und die wärmende Sonne auf meinem Rücken. Mit einem lauten Knarren öffnete er die beiden gigantischen Tore und verschwand im Inneren der Scheune. Ich beschloss, auf seine Aufforderung zu warten und weiter die Sonnenstrahlen zu genießen. Schließlich ist ein Drache in meinem Alter froh darüber, seine müden Knochen auszuruhen. Doch als mich nach einigen Minuten ein ungutes Gefühl durchfuhr und Bent immer noch nicht nach mir rief, erhob ich mich von meinem Platz und lief hinüber, um nach ihm zu sehen. Ich betrat den hölzernen Palast, musste jedoch feststellen, dass es im Inneren zu dunkel war, um etwas zu sehen.

„Bent?“, rief ich hinein, doch ich erhielt keine Antwort. Ich suchte nach einem Lichtschalter und trat näher in die Scheune herein. Auf der linken Seite an der Wand befand sich ein Schalter, den ich vorsichtig nach unten drückte.

„Alles Gute zum Geburtstag, Fokus!“, schallte es mir plötzlich mehrstimmig entgegen. Ich fuhr erschrocken zusammen und plumpste rücklinks auf meinen Po. Vor mir standen all meine Freunde. Sie trugen Drachenkostüme und sangen, so laut sie konnten. Ich schlug die Hämde vors Gesicht und erkannte, dass Bent mich reingelegt hatte. Der Flug zur Scheune war nur ein Vorwand, um mich zu überraschen. Er trat stolz aus der Masse hervor, verneigte sich vor mir und sprach:

„Alter Freund, wir wissen, dass du deinen Geburtstag nie feierst. Allein schon aufgrund der Tatsache, dass du gar nicht weißt, wie viele Jahrtausende du alt bist. Wir kramten beim Umzug deiner Bibliothek nach alten Schriften, die uns einen Hinweis auf dein Alter geben und wurden fündig!“

Hinter seinem Rücken zog er ein altes, in Leder gebundenes Fotoalbum hervor, was ich schon seit vielen Jahrhunderten nicht mehr in den Händen hielt. Er trat näher an mich heran und öffnete die erste Seite.

„Hier, mein Freund. Diese Bilder machte Weisinja von dir, als du noch ein Mini Drache warst. Wie man sieht, hast du auf diesem Bild eben erst mit aller Kraft die Schalen deines Ei´s zerbrochen, um dir ein Bild von deiner Umgebung zu machen. Wir haben uns hier versammelt, um den Tag zu feiern, an dem einer der großartigsten Bewohner Feohwynns geboren wurde, um die Erde zu einem besseren Ort zu machen“, sprach er mit zitternder Stimme und überreichte mir das Album.

Er krabbelte auf meinen Schoß und versuchte mich mit seinen viel zu kurzen Armen fest zu drücken. Gerührt von seiner Geste streichelte ich behutsam seinen Kopf und sah zu meinen Freunden. Plötzlich ertönte Musik und die Elfenkinder versammelten sich auf der Wiese vor der Scheune. Bent kletterte von meinem Schoß und forderte mich auf, ihm nach draußen zu folgen. Die Elfen tanzten, gemeinsam mit ihrer Lehrerin Almina, eine wunderschöne und lustige Choreographie und kurz darauf tanzten all meine Freunde mit ihnen gemeinsam.

Als es plötzlich an meinem Schwanz zog fuhr ich erschrocken zusammen und blickte mich um. Ich traute meinen Augen nicht, als ich jemanden sah, den ich seit einigen tausend Jahren nicht mehr gesehen habe. Mein alter Drachenfreund Schuppe stand leibhaftig vor mir. Er grinste breit, öffnete seine Arme und sagte mit seiner tiefen Stimme:

„Na, Fokus? Damit hättest du wohl nicht gerechnet?!“

Er hatte Recht. Wir spielten als Kinder gemeinsam täglich am Drachenfels. Unsere Eltern waren eng befreundet und wir Kinder taten, was alle Kinder machen. Eines Tages kam Schuppes Vater zu uns und erklärte, dass es für sie an der Zeit wäre, neue Orte zu entdecken. Sie wollten die Welt bereisen. Für Schuppe und mich brach eine Welt zusammen, doch schworen wir uns, eines Tages wieder gemeinsam in die Lüfte abzuheben. Und da stand er nun, größer als ich und mit strahlend blauen Augen.

Da die Schuppen an seinem Körper größer sind als die eines jeden anderen Drachens, nannten ihn seine Eltern Schuppe. Doch das war nicht das einzige an ihm, das größer war als normal. Auch seine Flügel haben eine unglaubliche Spannweite von zwölf Metern.

„Wie bist du denn unbemerkt hier her gekommen?“, fragte ich ihn scherzend, bevor ich ihm in die Arme fiel.

„Ich bin schon seit einer Woche hier, mein Freund. Meine Eltern verstarben vor vierhundert Jahren in Südamerika und kurz vorher versprach ich ihnen, so lange da zu bleiben, bis der neue Drachenfels fertig gebaut ist und ihre Enkelkinder groß sind. Ich hielt mein Versprechen und dann kam unser kleiner Partyfreund hier und fragte mich, ob ich für unseren alten Fokus nach Hause kommen will. Tada, hier bin ich“, scherzte er mit ausgebreiteten Armen.

Die anderen Gäste klatschten laut und freuten sich genau wie ich, über Schuppes Rückkehr. Bent forderte einige seiner fleißigen Helfer auf, eine weitere Überraschung aus der Scheune zu holen.

Ich lachte, als sie kurze Zeit darauf mit einer übergroßen Torte zurückkamen. Es handelte sich dabei um ein Kunstwerk aus mehreren Etagen aus Äpfeln. Und weil ich Äpfel liebe, konnte die Feier erst weitergehen, als ich mich über die Torte her machte und alles auf aß.

Die Musik spielte und meine Freunde tanzten ausgelassen. Die Elfenkinder kletterten auf Schuppes und meinen Rücken und forderten uns zu einem Wettflug auf. Bent zählte laut bis drei und dann starteten wir in einen Steilflug nach oben. Die Elfenkinder jubelten laut und krallten sich in unsere Rücken fest. Sie lachten und quiekten, als wir am Himmel nur knapp aneinander vorbei zogen und zu steilen Kurven ansetzten. Ich fühlte mich plötzlich in meine Kindheit zurück versetzt. Kein anderer meiner Drachenfreunde war so gut im Wettflug wie Schuppe. Als die Dunkelheit langsam einbrach, beendeten wir unser Spiel und landeten wieder bei den anderen Gästen der Feier und schlossen uns ihren Tänzen an.

Abgelenkt von den wild um mich tanzenden Elfenkindern bemerkte ich nicht, dass Bent bereits eine weitere Überraschung für mich vorbereitete. Als Schuppe dann unseren Tanz unterbrach und mich aufforderte ihm zu folgen, ahnte ich nicht, was mich gleich erwarten sollte. Die Musik wurde ausgeschaltet und alle versammelten sich in einem großen Kreis auf der Wiese. Schuppe führte mich in die Mitte des Kreises und verband mir die Augen. Dann hörte ich eine bekannte Stimme sprechen:

„So, mein poriger Freund. Nachdem wir nun zusammen deine neue Bibliothek ausgesucht und den Umzug erfolgreich über die Bühne gebracht haben, ist es nun an der Zeit für ein neues Kapitel in deinem ganz eigenen Buch.“

Gustav verstummte und mich umgab eine geheimnisvolle Stille. Kein Tuscheln oder Brabbeln war zu hören. Niemand sagte mir, was nun geschehen wird.

„Schuppe?“, fragte ich vorsichtig. „Bist du noch da? Ist hier überhaupt noch irgendwer? Für eure Verhältnisse seid ihr ganz schön still!“

„Gedulde dich noch einen Moment, Apfelstaubsauger!“, fuhr mir plötzlich die Antwort von Gustav entgegen. „Schuppe wird dir gleich die Augenbinde abnehmen.“

Erwartungsvoll harrte ich aus und konnte es kaum abwarten. Bis ich Schuppes Hände an meinem Kopf spürte. Er löste langsam die Binde von meinem Hinterkopf und flüsterte mir ins Ohr: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Freund. Du hast es dir mehr als verdient!“

Ich öffnete langsam meine Augen, die sich erst an die Helligkeit gewöhnen mussten. Alles was ich im ersten Moment erblickte, waren Scheinwerfer, die ihr Licht auf die Scheune richteten. Begleitet von all meinen Freunden, die mittlerweile eine Gasse vor mir bildeten. Lief ich langsam auf den Eingang der Scheune zu und hielt kurz davor inne. Ich sah Bent an. Er nickte und forderte mich dann mit einer Armbewegung auf, hinein zu treten. Als ich mich langsam hinein wagte, glaubte ich kaum, was mir meine Augen zeigten. Die Scheune glich einem riesigen Theatersaal. Die Wände waren mit großen roten Tüchern verhangen und am anderen Ende des Gebäudes erkannte ich eine Bühne. Auf der Bühne stand ein Thron, auf dessen Rückenlehne mein Name eingraviert wurde. Über der Bühne leuchtete in Großbuchstaben: „Gib der Kreativität eine Bühne“.

Der Anblick berührte mich sehr und als ich weiter in den Saal herein trat, tippte mich Bent vorsichtig an. Ich blieb stehen und sah ihn an. Er sagte lächelnd:

„Fokus, seit der Gründung Feohwynns bereicherst du uns alle mit deinen Geschichten. Mittlerweile hast du so viele Zuhörer beim Vorlesen, das der Drachenfels nicht mehr genug Platz für alle bietet. Es wurde höchste Zeit für einen neuen Standort. Sei herzlich Willkommen in deinem neuen Theater, auf deiner eigenen Bühne. Du lehrst uns täglich im Ausleben der eigenen Kreativität und im Mut, uns selbst zu verwirklichen, dass wir nun an der Reihe sind, dir etwas zurückzugeben.“

„Aber was ist mit all deinen Sachen, Bent? Deine Möbel, der Tischmuck und all deine Bastelmaterialien. Wo sind all die Sachen?“, fragte ich besorgt.

„Mach dir darüber keine Gedanken, Fokus. Die neue steinerne Bibliothek bietet so viel Platz, dass dort auch Lagerraum für mich frei ist“, antwortete Bent stolz.

Was bleibt mir noch zu sagen, liebe Leser und Zuhörer? Ich sitze nun hier, auf meinem neuen Thron in meinem Theatersaal, ganz in der Nähe des Drachenfels. Mein alter Freund Schuppe kommt bald mit seinen Kindern zu Besuch und  Bent ist der verrückteste Partyheld Feohwynns. Wir sind eine große Familie und wenn du möchtest, kannst auch du ein Teil davon werden. Nimm Platz in diesem unbeschreiblich schönen Theater und lausche meinen Geschichten. Ich heiße dich recht herzlich Willkommen.


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